Modersohn & Freiesleben. Das Leben der Dinge

Rezension von Ulrich Brinckmann in: Bauwelt 102. Jg. 2011, H. 4, S. 35

Was für ein angenehmes Buch: sorgfältig gedacht, geschrieben und gestaltet, dabei selbstbewusst und bescheiden zugleich; keine übergroße, bunte Werbebroschüre, in der viel zu viel zu sehen und viel zu wenig zu entdecken ist, sondern ein Buch, das zwar für seine Architekten wirbt – aber nur, wenn man sich die Zeit nimmt, es auch zu lesen. Allein schon die ausgewählten Bild- und Textzitate haben meine Sympathie für diese Veröffentlichung gewonnen. Keiner der üblichen Modephilosophen wird hier bemüht, stattdessen kommen Literaten zu Wort: Uwe Johnson, Rolf-Dieter Brinkmann, Erhart Kästner, Charles Dickens. Der Zeitpunkt für dieses Buch ist zudem gut gewählt. Johannes Moderson und Antje Freiesleben zählen noch zu den „jungen Architekten“, haben aber schon genug gebaut und gelehrt, um eine Auswahl treffen zu können und die beim Bauen gemachten Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Präsentiert werden zwei Großstadthäuser in Berlin, eins zum Wohnen, eins zum Arbeiten, eine unterirdische Bahnhofshalle, zwei Häuser und zwei Pavillons im Brandenburgischen.

Modersohn & Freiesleben gründeten ihr Büro 1994, zu einer Zeit, in der für junge Architekten das Bürogründen noch keine so halsbrecherische Tat war; erste Aufmerksamkeit wurde ihnen sogleich zuteil für ihren im Wettbewerb siegreichen Entwurf des Deutschen Bibliotheksinstituts nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Jenes Projekt blieb unrealisiert, taucht aber in der Einleitung dieses Buchs noch einmal auf. Der Autor, Tobias Zepter, ist ein langjähriger Mitarbeiter der beiden Inhaber – und es wäre schade, wenn er nicht auch als Autor bekannt geworden wäre. Zepter kann nämlich schreiben, Sätze mit feiner Ironie, die man gerne zitiert. Zum Beispiel diesen über das Wohnhaus in der Choriner Straße (Bauwelt 6.09): „Der gelassene Umgang mit dem Notwendigen erzeugt Alltäglichkeit, und wenig ist kostbarer als ein gelungener Alltag.“ Oder diese drei, die Giebelgestaltung der Häuser in Paretz und Seebeck (Bauwelt 41.01) resümierend: „Wenn Tessenow auch in den meisten Lebenslagen eines Architekten alles auf eigenwillige Weise besser weiß, so braucht man ihn in Paretz nicht unbedingt. Es reicht, sich umzusehen. Und wenn man genau hinsieht, braucht man ihn auch in Seebeck nicht.“

Was man nur nicht machen sollte, ist, sich diese Sätze in der Absicht, sie bei Gelegenheit zu zitieren, mit dem Bleistift zu unterstreichen. Der drückt sich nämlich durch und zaubert noch mehrere Seiten später Linien hin, wo Linien überhaupt nicht hingehören.